Zwangshypothek: Von Panikmache und Falschdarstellungen

Hypothekenzinsen

Die Immobilienmärkte boomen weiterhin, die Zinsen sind niedrig und die Nachfrage nach Wohneigentum groß. Die Entscheidung, eine Immobilie zu kaufen oder zu bauen, ist für viele Menschen nicht nur die Erfüllung eines Traumes, sondern auch die finanziell größte und weitreichendste in ihrem Leben. Daher sind gute und weitreichende Informationen zu allen Facetten eines Immobilienbesitzes wichtig. Falsche oder nicht verifizierbare Informationen sorgen im Gegenzug für Verunsicherung.

In jüngerer Vergangenheit sind aus verschiedenen Richtungen vermehrt Unwahrheiten verbreitet worden, wonach einfachen Immobilienbesitzern eine Zusatzbelastung, wenn nicht gar die Zwangsenteignung drohe. Das Stichwort in diesem Fall: Zwangshypothek. Doch diesen Versuch der Panikmache kann man schnell mit kühlem Kopf entlarven.

Zwangshypothek: Worum geht es?

Falschdarstellungen und Auswüchse verschiedener Verschwörungstheorien sind zu einem wesentlichen Bestandteil im Internet und den sozialen Medien geworden. Davon ist auch der Bereich der Immobilien in der einen oder anderen Form betroffen, vor allem in Bezug zur Finanzwirtschaft. Seit einigen Monaten hält sich die Idee der Zwangshypothek hartnäckig in diversen Foren und sozialen Medien – und hat mittlerweile weite Kreise der normalen Bevölkerung erreicht. Doch worum dreht es sich hierbei überhaupt?

Angeblich haben EU-Politiker beschlossen, Zwangshypotheken auf private Immobilien zu ermöglichen, um damit die Staatsverschuldung zu reduzieren und den Euro zu stabilisieren. Staatliche Verwertungsgesellschaften sollen diese Maßnahme umsetzen. Je nach Quelle handelt es sich bei der Zwangshypothek um eine Art Zusatzsteuer, die staatlich auferlegt wird, oder die Abwicklung erfolgt mit den Banken, die bei einer Veränderung der Kreditwürdigkeit die Immobilie sofort mit einer Hypothek belasten, selbst wenn die Ratenzahlungen für den Kredit normal weitergeführt wurden. Dadurch würde mehr Geld in Umlauf gebracht werden und das Finanzsystem gestärkt. Einige reden gar von einer allgemeinen Zwangsenteignung.

Über einschlägige YouTube-Kanäle und Social Media Accounts werden diese Inhalte weiterverbreitet. Dahinter stehen nicht selten bekannte und weniger bekannte Personen aus den Kreisen der Verschwörungstheoretiker und der Rechtspopulisten. Die selbsternannten Aufklärer bauen die These der Zwangshypothek in ihr Angstgebäude zur Abschaffung der Staatssouveränität und der individuellen Freiheiten gezielt ein.

Gibt es einen realen Hintergrund?

Wie es bei vielen Gerüchten der Fall ist, speisen sich diese aus einem realen Ursprung, der mit den bestehenden Behauptungen nichts mehr gemein hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in der dann neuen Bundesrepublik tatsächlich die Maßnahme einer Zwangshypothek. Die notwendige Währungs- und Wirtschaftsreform 1948 erforderte im Sinne des Lastenausgleichs eine solche Maßnahme, damit Immobilienbesitzer durch die Reformen nicht bevorteilt werden.

Nach der Finanzkrise 2008/09 und die daran anschließende Euro- und Schuldenkrise haben verschiedene Institute und Think Tanks – darunter das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und France Strategie (ein französischer Think Tank) – auch radikalere Ansatzpunkte zur Krisenbewältigung diskutiert. Das DIW schlug Anfang der 2010er vor, dass Reiche durch eine Zwangsanleihe dem Staat Kredite gewähren. Diese Idee wurde aber bereits zuvor, unter anderem Anfang der 1990er bereits, politisch diskutiert und sehr deutlich verworfen. Auch der DIW-Vorschlag ist eher als Gedankenexperiment zu verstehen und ist zudem sehr weit entfernt von einer Zwangshypothek. Der Vorschlag wäre ohnehin verfassungsrechtlich bedenklich.

Der Vorschlag von France Strategie ist jünger. In einer der diskutierten Optionen ist von einer Sondersteuer auf Immobilien die Rede. Als Zwangshypothek ist auch das kaum zu verstehen. Zudem handelt es sich hier ebenfalls um ein Gedankenexperiment, dass seitens der Politik bereits eine klare Absage erhalten hat. Sowohl im deutschen als auch im französischen Fall wurde zudem eine deutliche und starke Kritik von verschiedenen Seiten aus Politik, Wirtschaft und von anderen Einrichtungen an den Vorschlägen geübt.

Natürlich wurden diese Vorschläge auch medial begleitet. Verschiedene Zeitungen und andere Medien berichteten, teilweise wurde der Kontext auch in Fachzeitschriften nicht immer sauber dargestellt. Daraus und mit der eigenen Agenda angereichert, haben vor allem Rechtspopulisten die Meldungen aufgegriffen und zu den angstschürenden Falschinformationen gemacht, die heute im Internet umhergeistern.

Gerüchte als Geschäftsmodell

Neben einem populistischen Ziel verfolgen viele Verschwörungstheoretiker hier rein geschäftliche Interessen. Informationen zur Zwangshypothek und weiteren kruden Theorien werden in Seminaren dargestellt, die nur gegen eine Gebühr zugänglich sind. Zudem werden Bücher und Videos verkauft oder versucht, die vermeintliche Wahrheit der vermeintlichen Aufklärer anderweitig zu Geld zu machen. Das Geschäft mit der Angst und das Geschäft mit der gezielten Falschinformation blühen zurzeit wie selten zuvor. Das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit zwischen dem Immobilienmarkt und der Idee der Zwangshypothek.

Echte Informationen sind wichtig

Wenn Sie sich über die Finanzierung Ihrer neuen Immobilie informieren, gehören zu den gewonnenen Erkenntnissen sicherlich auch Wissen um mögliche Risiken. Schließlich ist die Entscheidung nicht nur finanziell von großer Tragweite. Sie werden dabei auch unweigerlich auf Informationen stoßen, die Sie zunächst schwer einordnen können. Bedauerlicherweise sind Sie dabei das eine oder andere Mal gezwungen, ganz genau die Fakten zu checken, bevor Sie einer Information irgendeinen Wert beimessen können. Das Gerücht zur Zwangshypothek können Sie dabei getrost ignorieren.